Europa im Vormärz: Um Verfassung und Nation

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Europa im Vormärz: Um Verfassung und Nation
Europa im Vormärz: Um Verfassung und Nation
 
Nationalbewegungen und Nationalstaatsgr√ľndungen
 
Als politische Ideologie und soziale Bewegung gewann der moderne Nationalismus seit der Franz√∂sischen Revolution durch die Verbindung mit den Grunds√§tzen der Selbstbestimmung und Volkssouver√§nit√§t √ľberragende Bedeutung. Im Rahmen einer umfassenden Entwicklung, die die st√§ndisch und r√§umlich geschiedenen Lebenswelten allm√§hlich aufbrechen lie√ü, avancierte der nationale Staat zum neuen Fixpunkt des politischen Lebens. Die V√∂lker Europas, die noch nicht √ľber einen Nationalstaat verf√ľgten, entwickelten in der 1. H√§lfte des 19. Jahrhunderts einen Nationalismus, der sich vorrangig an sprachlichen, kulturellen und historischen Gemeinsamkeiten orientierte. Es g√§rte unter den burschenschaftlich organisierten Studenten in Deutschland, es gab Tumulte in Manchester, Aufst√§nde in Neapel, Piemont und Spanien. Sizilien forderte die Unabh√§ngigkeit, und in Portugal meldeten sich Verfassungsw√ľnsche zu Wort. Das nationale Erwachen der V√∂lker, von Klemens Wenzel F√ľrst von Metternich als ¬ĽHydra der Revolution¬ę abqualifiziert, lie√ü vielerorts das kulturelle und politische Bewusstsein, verbunden mit der Suche nach der eigenen Identit√§t, in den Vordergrund treten, was wiederum vor allem die alten √ľbernationalen Staaten wie Russland, √Ėsterreich-Ungarn und das Osmanische Reich bedrohte. Die Idee der Nation galt am Anfang des 19. Jahrhunderts als revolution√§r und gef√§hrlich f√ľr die alte Ordnung.
 
Die nationalen Bewegungen bildeten die Grundlage f√ľr den Prozess der nation building (Nationsbildung), der nach 1815 vor allem die s√ľdliche und √∂stliche H√§lfte Europas erfasste. Allerdings erfolgten die Nationalstaatsgr√ľndungen nicht aus eigener Kraft, sondern stets mit Unterst√ľtzung der rivalisierenden europ√§ischen Gro√üm√§chte. Kriegerische oder revolution√§re Ereignisse beg√ľnstigten dabei die entstehenden Nationalbewegungen. Sie verliehen dem politischen Liberalismus und dem Nationalit√§tenprinzip gewaltigen Aufschwung. Neue Nationalstaaten entstanden nach langj√§hrigen Freiheitsk√§mpfen in Griechenland 1829 und Serbien 1830 sowie durch Revolution in Belgien 1830. Die belgische Verfassung von 1831 f√ľhrte die parlamentarische Monarchie ein, in der die Rechte des auf den belgischen Thron berufenen Leopold I. aus dem Hause Sachsen-Coburg st√§rker als in anderen europ√§ischen Staaten eingeschr√§nkt waren. Sie galt als Vorbild einer liberalen Verfassung. Schlie√ülich gelang 1848 in der Schweiz die Bildung eines Bundesstaates, nachdem der vormals lose Staatenbund durch Integration zu einem einheitlichen Staat mit fester Zentralgewalt umstrukturiert worden war. Die Durchset- zung des Schweizer Bundesstaates wurde nicht allein durch die europ√§ischen Revolutionen beg√ľnstigt, sondern in erster Linie durch die innere Einstellung des Volkes, denn einzigartig war vor allem, dass die Bundesverfassung durch Volksabstimmung angenommen wurde.
 
 Liberalismus und Freiheit
 
Die liberalen Traditionen haben in Europa tiefe und vielschichtige Wurzeln wie die dem reformatorischen Gedankengut entsprungene deutsche Gewissensfreiheit oder das religi√∂se Toleranzprinzip bei den Niederl√§ndern sowie der Freiheitsgeist der Engl√§nder und Franzosen. In der 1. H√§lfte des 19. Jahrhunderts wurde um andere Freiheiten gerungen, um die Presse-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, in England vor allem um das Wahlrecht und schlie√ülich im Rahmen von fortschreitender Industrialisierung und entstehender Arbeiterschaft um das Recht auf gewerkschaftlichen Zusammenschluss und um das Streikrecht. Die wirkungsm√§chtigen Ver√§nderungen der politischen Herrschaftsordnungen, die unter dem Einfluss der Franz√∂sischen Revolution den allgemeinen Prozess der Modernisierung von Staat und Gesellschaft eingeleitet hatten, wurden im Wesentlichen durch Auseinandersetzungen um die verfassungsm√§√üige Verankerung und die Nationalisierung ehemals lokaler und regionaler Herrschaftsr√§ume bestimmt. Es war ein komplizierter Prozess, der die europ√§ischen Staaten zwischen dem Wiener Kongress und den europ√§ischen Revolutionen der Jahrhundertmitte unterschiedlich stark formte und der auch innerhalb einzelner Staaten nicht einheitlich verlief. Er wurde begleitet von einer Fundamentalpolitisierung gro√üer Teile der Bev√∂lkerung, die wie zuvor die relativ kleine Gruppe b√ľrgerlicher Intellektueller nach Formen politischer Mitwirkung strebte. Liberalismus und Freiheit waren keineswegs, wie Napoleon auf Sankt Helena behauptete, auf dem Schlachtfeld von Waterloo t√∂dlich getroffen worden. 1830 brach die Revolution dort wieder aus, von wo sie ihren Ausgang genommen hatte, in Frankreich.
 
 Die Julirevolution in Frankreich
 
Karl X. tritt die Flucht nach vorn an ‚ÄĒ und verliert
 
Der √ľberraschende Sturz der bourbonischen Dynastie in Frankreich binnen dreier Tage (29.‚ÄĒ31. Juli 1830), von den Aufst√§ndischen lakonisch les trois glorieuses (die drei ruhmreichen) genannt, l√∂ste revolution√§re Wellen aus, die sich √ľber weite Gebiete Europas erstreckten. Vorausgegangen waren starke innenpolitische Spannungen, die sich aufgrund unvers√∂hnlicher Auffassungen √ľber den einzuschlagenden politischen Kurs gegen Ende der Restaurationszeit aufgebaut hatten. W√§hrend das ultraroyalistische Ministerium unter Leitung von Jules Auguste Armand Marie von Polignac im Einklang mit Karl X. die politische Macht dem Monarchen in Form von Pr√§rogativen (Vorrechten) √ľberlassen wollte, forderte die Opposition zunehmend eine st√§rkere Ber√ľcksichtigung der Parlamentsmehrheit bei der Verteilung der Regierungsverantwortung. Zwar bildete die Opposition keinen einheitlichen Block, in ihr waren Republikaner ebenso vertreten wie Bonapartisten und als wirkungsvollste Gruppierung die Liberalen, aber insgeheim nutzte sie die latente Unt√§tigkeit der Regierung publikumswirksam aus und wappnete sich auf unterschiedlichen Ebenen zum Widerstand. Der popul√§re, ehemalige Revolutionsheld Marie Joseph Motier de La Fayette organisierte Wahlkomitees wie die Gesellschaft mit dem bezeichnenden Namen Aide-toi, le ciel t'aidera (Hilf dir selbst, dann wird der Himmel dir helfen), und die Pariser Studenten gr√ľndeten eine republikanische Gesellschaft, die sich La Jeune France (Das Junge Frankreich) nannte. Die Partei der bourbonischen Seitenlinie, die Orl√©anisten, besa√ü in Charles Maurice de Talleyrand ihren geistigen Mentor und erhielt finanzielle Zuwendungen vom einflussreichen Bankier Jacques Laffitte. Sie alle trafen au√üerparlamentarische Vorbereitungen, und mit der Zeitung ¬ĽNational¬ę, die von Adolphe Thiers und Auguste Mignet redigiert wurde, verf√ľgten die liberalen Oppositionellen √ľber ein schlagkr√§ftiges Presseorgan, das meinungsbildende Lenkungsabsichten mit programmatischen politischen Zielen zu verbinden verstand.
 
Anstatt mit der liberalen Opposition zu einem Ausgleich zu kommen, hielt die Regierung im Fr√ľhjahr 1830 durch Zur√ľckweisung der Adresse der Kammermehrheit, die dem Sinn nach ein Misstrauensvotum in Form einer Bittschrift war, an ihrem strikten Konfrontationskurs fest und suchte zu alledem ihr Heil in der au√üenpolitischen Offensive. Bevor die Siegesnachricht von der Eroberung Algiers, die den Grundstein f√ľr den Erwerb des franz√∂sischen Kolonialreichs in Afrika legte, in Paris eintraf, l√∂ste der K√∂nig die oppositionelle Kammer auf und behielt gleichzeitig die reaktion√§re Regierung im Amt. Die anschlie√üenden Wahlen endeten mit einer f√ľr K√∂nig und Ministerium vernichtenden Niederlage. Trotz Druck und Wahlmanipulation gewann die Opposition 53 Sitze hinzu und wuchs auf 274 gegen√ľber 143 Abgeordneten der Regierungsseite an. Die nun folgenden Aktionen auf beiden Seiten gleichen in verbl√ľffender Weise dem politischen Szenario der Gro√üen Revolution von 1789. Mit vier Ordonnances, regierungsamtlichen Verf√ľgungen, die die Pressefreiheit abschafften, die Zensur einrichteten, die neue Kammer aufl√∂sten und den Wahlzensus drastisch erh√∂hten, trat der K√∂nig die Flucht nach vorn an. Die Antwort von Paris auf den royalistischen Staatsstreich war ein erbitterter dreit√§giger Stra√üenkampf. Am 29. Juli war Paris in den H√§nden der Aufst√§ndischen. Diese hatten 1800 gefallene Mitstreiter zu beklagen, die k√∂niglichen Soldaten z√§hlten 200 Tote. Paris entschied √ľber das Schicksal Frankreichs, indem es die bourbonische Dynastie von ihrem Thron vertrieb. Die Julirevolution ist insofern bemerkenswert, als sie die Tat einer einzigen Stadt war.
 
Louis Philippe wird ¬ĽK√∂nig der Franzosen¬ę
 
Die Pariser Unterschichten, die an der Seite des Generals Louis Eug√®ne Cavaignac besonders stark an den Stra√üenk√§mpfen beteiligt waren, hatten die Republik verlangt, die Bonapartisten forderten ein zweites Kaiserreich. Das Ergebnis der Revolution war jedoch weder das eine noch das andere, sondern das B√ľrgerk√∂nigtum Louis Philippes. Am 30. Juli nahm Karl X. endlich zur Kenntnis, dass etwas geschehen war und dass Zugest√§ndnisse vonn√∂ten waren. Aber schon hing an den Mauern von Paris das von Thiers und Mignet entworfene Plakat, das das Volk aufrief, den Herzog von Orl√©ans auf den Thron zu setzen. Die selbst ernannte provisorische Regierung lud ihn ein, Generalstatthalter des K√∂nigreichs zu werden. Louis Philippe von Orl√©ans, in sicherer Entfernung von Paris, z√∂gerte zuerst, nahm aber schlie√ülich dieses Angebot an.
 
Unterdessen hatte Karl X., von der Bev√∂lkerung massiv bedroht, Zuflucht in dem Ort Rambouillet gefunden. Dort ernannte er seinen Enkel Henri Charles de Bourbon, Graf von Chambord, Herzog von Bordeaux, das enfant du miracle (Kind des Wunders), zum Generalstatthalter und dankte ab. Aus Furcht vor dem Einfluss der kleinb√ľrgerlichen Massen, die bereits La Fayette zum neuen Pr√§sidenten auserkoren hatten, bereiteten die gem√§√üigten, gro√üb√ľrgerlichen Abgeordneten jedoch die ¬Ľorl√©anistische L√∂sung¬ę vor, das hei√üt die Abdankung Karls X. zugunsten des Herzogs von Orl√©ans, des Sohnes des ber√ľhmt-ber√ľchtigten Philippe √Čgalit√©, der einst zusammen mit seinem jugendlichen Spr√∂ssling die B√§nke des Pariser Jakobinerklubs gedr√ľckt hatte. W√§hrend der gest√ľrzte K√∂nig mit der k√∂niglichen Familie gem√§chlich den Weg nach Cherbourg nahm, wo er seine Leibwache entlie√ü und ein Schiff nach England bestieg, erkl√§rte die Kammermehrheit am 7. August 1830 den Thron f√ľr vakant und w√§hlte Louis Philippe eiligst zum ¬ĽK√∂nig der Franzosen¬ę. Mit diesem Bruch der traditionellen Einsetzungsformalit√§ten endete die althergebrachte Legitimation monarchischer Herrschaft, die Idee vom Gottesgnadentum.
 
Die Restauration hatte politisch versagt, was aber nicht bedeuten muss, dass sie von Anfang an unausweichlich zum Scheitern verurteilt gewesen w√§re. Im Gegenteil: Die Ziele der Revolution von 1830 waren nicht eigentlich gegen die Restauration gerichtet. Vielmehr trat sie an gegen das anachronistische Auftreten eines wieder erstarkten Adels, der an eine Fortsetzung seiner Privilegien aus dem 18. Jahrhundert glaubte, und einer ultramontanen ‚ÄĒ papsttreuen, an Rom orientierten ‚ÄĒ Geistlichkeit, die noch st√§rker vergangenheitsorientiert zur√ľckschaute. Die gebildeten, besitzb√ľrgerlichen Schichten jedoch mochten zwar davon √ľberzeugt sein, dass die Religion gut f√ľrs Volk sei, aber sie wollten nicht, dass ihre S√∂hne von eifernden Priestern erzogen wurden. Sie opponierten gegen ein Regime, in dem der Einfluss der Kirche in zunehmendem Ma√üe die Oberhand gewann.
 
¬†Die Julimonarchie (1830‚ÄĒ48)
 
Louis Philippe als ¬ĽB√ľrgerk√∂nig¬ę
 
Mit der neuen Erbfolgeregelung war der Trend zur Parlamentarisierung bei der Einsetzung der Julimonarchie verst√§rkt worden, wenngleich die verh√§ngnisvolle Kluft zwischen den aus der Macht verdr√§ngten Legitimisten (Bourbonen), der st√§rker werdenden Bonapartisten und den √ľberspielten Republikanern gr√∂√üer wurde. Au√üenpolitisch war die Beibehaltung der Monarchie angesichts des Argwohns der Heiligen Allianz f√ľr Frankreich sicherlich die bessere L√∂sung, zumal die ¬Ľparlamentarisch¬ę geringf√ľgig revidierte Charte von 1830 in Gro√übritannien auf gro√üe Sympathien stie√ü. Au√üerdem waren die √ľbrigen Gro√üm√§chte entweder im eigenen Land besch√§ftigt oder mit dem Problem des gerade entstehenden Belgien viel zu sehr befasst, um in Frankreich intervenieren zu k√∂nnen. Geschickterweise zeigte der neue Roi citoyen (B√ľrgerk√∂nig) gegen√ľber den Niederlanden keinerlei Expansionsgel√ľste und zog die Kandidatur seines Sohnes Louis, des Herzogs von Nemours, f√ľr die belgische K√∂nigskrone nach britischen Protesten zur√ľck.
 
Verfassungspolitisch setzte die Julimonarchie die Praxis der Restaurationszeit fort. Der omin√∂se Notstandsartikel 14 wurde gestrichen, und K√∂nig und Kammer teilten sich jetzt die Gesetzesinitiative. Au√üerdem wurde die revidierte Verfassung nicht mehr oktroyiert, sondern betonte den Vertragscharakter zwischen Volk und Monarch. Das Parlament beseitigte 1831 die Erblichkeit der Pairsw√ľrde und entzog dem Katholizismus den Status der Staatsreligion. Dennoch blieb die Stellung des K√∂nigs stark. Die Julimonarchie war eine konstitutionelle, aber keine parlamentarische Monarchie. Da die vom K√∂nig ernannten Minister nicht um das Vertrauen der Kammer nachsuchen mussten, waren die Konflikte vorprogrammiert. Das Wahlrecht blieb auch weiterhin an das Steueraufkommen gebunden. Die Zahl der Wahlberechtigten stieg von etwa 94000 im Jahre 1830 auf circa 241000 in den Wahlen von 1846.
 
In seiner Person und durch seinen √∂ffentlichen Habitus verk√∂rperte der B√ľrgerk√∂nig die neue Herrschaftsordnung der Julimonarchie. Er pr√§sentierte sich durch seine relativ bescheidene Lebensf√ľhrung mit seiner kinderreichen Familie als Mitglied des B√ľrgertums, als Garant f√ľr Wohlstand, Ruhe und Ordnung. Zun√§chst zeigte er sich reformbereit, erst im zunehmenden Alter wurde er starrsinnig und immer reformunwilliger.
 
Das politische F√ľhrungspersonal der Julimonarchie unterschied sich von der bourbonischen Restaurationszeit. Nicht mehr Adlige und Emigranten, sondern b√ľrgerliche Aufsteiger besetzten die Schaltstellen der Macht. Die Minister Casimir P√©rier, Jacques Laffitte, Fran√ßois Guizot und Adolphe Thiers waren allesamt b√ľrgerlicher Herkunft. Die Mittelklasse triumphierte und hatte die Macht in Frankreich √ľbernommen. Allerdings blieb die F√ľhrungsrolle der Notabeln in der Abgeordnetenkammer und in den Wahlk√∂rperschaften ungebrochen. Die b√ľrgerliche Absicherung des neuen Regimes war dringend notwendig, denn die politische und soziale Frontstellung nach 1830 hatte sich entscheidend ver√§ndert. W√§hrend die Gefahr einer adligen Reaktion deutlich an Kraft verloren hatte, mobilisierten die von den Ergebnissen der Revolution Entt√§uschten, vor allem die sozialen Unterschichten der wachsenden Fabrikarbeiterst√§dte, ihren Widerstand gegen die Gesellschaft des Enrichissez-vous (Bereichert euch). Soziale Unruhen, Streiks und Aufst√§nde waren in den 1830er-Jahren an der Tagesordnung. Unter den zahlreichen Erhebungen waren die Revolten der Seidenarbeiter 1831 und 1834 in Lyon das bekannteste Ereignis und erlangten √ľberregionale Bedeutung.
 
Nach dem misslungenen Attentat auf den K√∂nig am 28. September 1835 setzten sich in der Regierung diejenigen Kr√§fte durch, die nicht in der Weiterentwicklung der Verfassung, sondern in der offensiven Abwehr des Bedrohungspotenzials durch Volksunruhen, im Notfall unter Einsatz milit√§rischer Mittel, zur Herstellung von Sicherheit und Ordnung das probate Mittel sahen, die b√ľrgerliche Monarchie zu stabilisieren. Die Folge waren eine repressive Pressepolitik sowie Versammlungsverbote, was den Arbeiterorganisationen nur vordergr√ľndig schadete, da sie in den Untergrund gingen, die Wehrbereitschaft der Besitzenden aber eher st√§rkte. Zudem nahm die g√ľnstige Wirtschaftskonjunktur den oppositionellen Republikanern den Wind aus den Segeln. Sie setzten nach 1835 auf den legalen Machtwechsel, nicht mehr auf Subversion. Ebenso blieb das Schicksal der arbeitenden Klasse auf der Tagesordnung, doch nicht mehr deren Mobilisierung.
 
Die Regierung der Julimonarchie, ihre Gegner und ihre Reformen
 
Die Zeitspanne von 1838 bis 1848 kennzeichnete eine Phase relativer innenpolitischer Ruhe. Die Regierung setzte ihre politischen Akzente neu; etwa in der Wirtschafts- und Sozialpolitik folgte sie liberalen Prinzipien, in der Haltung gegen√ľber den Unterschichten griff sie auf repressive Ma√ünahmen zur√ľck. Innerlich gefestigt, konnten ihr selbst Putschversuche nichts anhaben. 1836 und 1840 scheiterte Louis Napol√©on, der Neffe des gro√üen Korsen und sp√§tere Napoleon III., zweimal kl√§glich, ebenso der Aufstandsversuch der Republikaner im Mai 1839. Von allen politischen Gruppierungen entpuppten sich die Bonapartisten zunehmend als Gefahr f√ľr die Regierung. Mit der feierlichen √úberf√ľhrung der sterblichen Gebeine Napoleons I. von Sankt Helena nach Paris am 14. Dezember 1840 erlebte die Napoleonlegende in ganz Frankreich einen enormen Aufschwung. Nachdem 1832 der einzige legitime Sohn Napoleons, der Herzog von Reichstadt, in Wien gestorben war, konzentrierten sich die Hoffnungen der Bonapartisten auf Louis Napol√©on, das neue Haupt der Familie Bonaparte, der sich zur Wiedererrichtung des napoleonischen Kaisertums berufen f√ľhlte.
 
Konnten dessen Versuche zur Macht√ľbernahme erfolgreich abgewendet werden, so wurde das Krisenjahr 1840 zu einer ernsthaften Herausforderung f√ľr das Julik√∂nigtum. Der Ausgangspunkt f√ľr den gesamteurop√§ischen Konflikt war die von Frankreich ausgel√∂ste Orientkrise. Vor dem Hintergrund einer nationalistischen Welle in Parlament und Presse hatte sich das Ministerium Thiers in der ¬Ľ√§gyptischen Frage¬ę zugunsten des Paschas Mehmed Ali ausgesprochen und damit die √Ąchtung seines Landes durch die √ľbrigen Gro√üm√§chte auf der Londoner Konferenz im Juli 1840 provoziert. Aus Furcht vor einer europ√§ischen Isolation und auf Druck nationalistischer Pressestimmen aus dem eigenen Land lenkte Thiers die Orientkrise in eine Diskussion √ľber die franz√∂sische Rheingrenze um, was wiederum die preu√üische Seite auf den Plan rief. Ein ¬ĽFederkrieg¬ę diesseits und jenseits des Rheins entbrannte, in deren Verlauf Nikolaus Becker sein ber√ľhmtes Rheinlied ¬ĽSie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein¬ę dichtete, woraufhin Alfred de Musset ihm sein nicht minder popul√§res Gedicht ¬ĽNous l'avons eu votre Rhin allemand¬ę (Wir haben ihn gehabt, euren deutschen Rhein) entgegenhielt. Um dem emotional aufgeladenen Spannungsfeld die Kraft zu nehmen, entlie√ü Louis Philippe kurzerhand den gl√ľcklosen Thiers und ersetzte ihn durch den anglophilen Fran√ßois Guizot, der bis zum Sturz des K√∂nigs 1848 die Regierungspolitik leitete.
 
Nachdem die Unterdr√ľckung der Aufst√§nde im Innern einen breiten Konsens innerhalb der b√ľrgerlichen Herrschaftselite gestiftet hatte, √∂ffnete die Regierung das sozialpolitische Ventil und gab den Raum f√ľr Reformprojekte frei. Neben der Ausweitung des Wahlk√∂rpers ‚ÄĒ 1847 besa√üen 250000 von 35 Millionen das Wahlrecht ‚ÄĒ erzielte die Julimonarchie vor allem in der Schulgesetzgebung einen gro√üen Erfolg. Das bereits 1833 von Guizot eingebrachte Gesetz √ľber den Volksschulunterricht bestimmte, dass jede Gemeinde √ľber 500 Einwohner eine Schule errichten durfte und der Staat die Besoldung und Ausbildung der Lehrer √ľbernahm, was zu einer deutlichen Verbesserung des Ausbildungsniveaus beitrug und die Analphabetenrate absenkte. Weitere Erfolge wurden im Ausbau des nationalen Eisenbahnnetzes erzielt, wobei Staat und private Kapitalanleger bei der Finanzierung zusammenwirkten.
 
Im Urteil der Kritiker erscheint die Julimonarchie als Inbegriff kleinlicher Interessenrangeleien, als ein Regime mit wuchernder Korruption und geringer Reformfreudigkeit. Als ihr typischer Repr√§sentant gilt Guizot, der entschieden f√ľr die k√∂niglichen Rechte eintrat, sich aber zugleich einer Ausweitung des Wahlrechts verschloss und als au√üenpolitischer Abenteurer ‚ÄĒ zum Beispiel durch koloniales Konkurrenzverhalten gegen√ľber Gro√übritannien und die vollst√§ndige Eroberung Algeriens 1847 ‚ÄĒ hervortat. Dem wachsenden Wunsch gro√üer Teile des B√ľrgertums nach politischer Mitsprache wurde damit auf nationaler Ebene nicht entsprochen. Als die soziale Unzufriedenheit infolge des strengen Winters 1847/48 zunahm, und das Elend vieler arbeitsloser Arbeiter und Handwerker offen zutage trat, schuf dies eine Situation, in der ein Funke gen√ľgte, den Pariser Barrikadensturm vom 22. Februar 1848 auszul√∂sen.
 
 Politischer Vormärz
 
Das politische Leben in Europa kam durch die Julirevolution in Frankreich kr√§ftig in Bewegung. Hinter der tr√ľgerischen Fassade √§u√üerer Ruhe g√§rte es in vielen L√§ndern. Das franz√∂sische Beispiel ermunterte zur Nachahmung und gab den liberalen und freiheitlichen Kr√§ften neuen Auftrieb. Bereits im August 1830 griff die Revolution auf Belgien √ľber, im Sp√§tsommer und Herbst auf die Schweiz, im September auf die mitteldeutschen Staaten und im November auf Polen. Die kontinentale Revolutionswelle schwappte selbst nach England √ľber, wo im November das Torykabinett unter dem Herzog von Wellington st√ľrzte und den Weg f√ľr eine Wahlrechtsreform frei machte, die von der neuen Whigregierung unter Charles Earl of Grey in Angriff genommen wurde. Die Reform Bill von 1832 hielt zwar am Zensuswahlrecht fest, aber sie weitete insbesondere den Zugang des mittleren B√ľrgertums zum Parlament durch eine Verdoppelung der Zahl der Wahlberechtigten auf eine Million ‚ÄĒ bei einer Gesamtbev√∂lkerung von 24 Millionen ‚ÄĒ aus und leitete eine Reihe weiterer sozialer Reformen wie das Armengesetz und das Gesetz zur Regelung der Kinderarbeit ein.
 
Der polnische Aufstand von 1830/31, von Russland mit preu√üischer Hilfe milit√§risch niedergeschlagen, mobilisierte wie kein anderer das liberale B√ľrgertum in Deutschland. Zur Unterst√ľtzung der Freiheitsbewegung wurden landesweit Polenvereine gegr√ľndet, womit sich f√ľr die innerdeutsche Opposition erstmals seit den Karlsbader Beschl√ľssen vom 20. September 1819 auf Bundesebene die Gelegenheit bot, Kontakte mit dem Ausland zu schlie√üen und √∂ffentlich in Erscheinung zu treten. Die Bewegung, die soziale Proteste mit b√ľrgerlich-liberalen Reformforderungen verband, erfasste weite Bereiche der deutschen Staatenwelt. In Braunschweig und im K√∂nigreich Sachsen traten unter dem Druck der Volksbewegungen die Landesherren ab und machten ihren Nachfolgern Platz. In Hannover und Kurhessen wechselten gar die Regierungen.
 
Die allgemeine Aufbruchstimmung erfasste schlie√ülich ganz S√ľddeutschland. Der badische Landtag verabschiedete am 28. Dezember 1831 ein ¬ĽPressgesetz¬ę, das im Widerspruch zum geltenden Bundesrecht die Zensur aufhob. Die Einheits- und Freiheitsbewegung fand ihren H√∂hepunkt in der Pfalz. Auf Einladung der beiden liberalen Publizisten Johann Georg August Wirth und Philipp Jacob Siebenpfeiffer trafen sich auf der Ruine des Hambacher Schlosses vom 27. bis 30. Mai 1832 mehr als 30000 Teilnehmer und beschworen die Parole ¬ĽVaterland, Volkshoheit, V√∂lkerbund¬ę. Das Hambacher Fest rief in der deutschen √Ėffentlichkeit ein gro√ües Echo hervor. Als aber der Versuch einiger Burschenschaftler und B√ľrger, die Hauptwache und die Konstablerwache in Frankfurt zu st√ľrmen, am 3. April 1833 scheiterte, wurde eine zentrale Untersuchungskommission eingesetzt, die mit Verhaftungen, Verurteilungen und Verboten der Oppositionsbewegung des Vorm√§rz ein Ende setzte.
 
Prof. Dr. Erich Pelzer
 
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Europa im Revolutionsjahr 1848/49: B√ľrger auf den Barrikaden
 
Deutschland: Die deutsche Einigung im 19. Jahrhundert
 
√Ėsterreich-Ungarn: Nationale Fragen in der Donaumonarchie
 
Italien: Zwischen Cavour und Garibaldi
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Restauration: Das alte Europa als Phönix aus der Asche?
 
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 26: Das Zeitalter der europäischen Revolution. 1780-1848, herausgegeben von Louis Bergeron u. a. Teilweise aus dem Französischen. Frankfurt am Main 1994.
¬†Langewiesche, Dieter: Europa zwischen Restauration und Revolution 1815-1849. M√ľnchen 31993.
 
Marianne und Germania 1789-1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten - eine Revue. Beiträge von Heidemarie Anderlik u. a. Herausgegeben von Marie-Louise von Plessen. Ausstellungskatalog Martin-Gropius-Bau, Berlin. Berlin 1996.
 Mommsen, Wolfgang J.: 1848, die ungewollte Revolution. Die revolutionären Bewegungen in Europa, 1830-1849. Frankfurt am Main 1998.
¬†Weis, Eberhard: Der Durchbruch des B√ľrgertums. 1776-1847. Frankfurt am Main u. a. 21981. Nachdruck Frankfurt am Main u. a. 1992.

Universal-Lexikon. 2012.

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